Kiel

von me

In der kleinen Landeshauptstadt an der Förde ticken die Uhren etwas anders. Die Öffnungszeiten der Geschäfte erinnern an das vorletzte Jahrzehnt, Skateboarden ist hier gerade zum Trend geworden und Antisemitismus beginnt ab 6 Millionen toten Juden. Höchstens.

Das könnte man zumindest vermuten, liest man die Kommentare zur geplanten Veranstaltung mit Johan Galtung. Dieser sollte bereits im Sommer sprechen, wurde aber nach Protesten wieder ausgeladen, angeblich um den Jubilar Carl Friedrich von Weizsäcker, zu dessen Ehren Galtung eingeladen war, nicht in den Schatten zu stellen.

Nachdem ein paar Monate ins Land gezogen waren, dachten sich die Veranstalter, dass es jetzt wohl an der Zeit wäre auch Galtung seinen Auftritt zu gönnen und luden ihn zum 10.12. erneut ins Auditorium Maximum der örtlichen Christian-Albrechts-Universität (CAU) ein. Thema der Veranstaltung: Weltinnenpolitik und Frieden mit friedlichen Mitteln.

Der dezente Hinweis auf die zahlreichen, gut dokumentierten antisemitischen Ausfälle Galtungs wird dabei von den Organisatoren, einer Initiative Kieler Studenten, gekonnt abgebügelt. So sei Galtung in erster Linie Menschenfreund und Friedensbewegter und könne per Definition kein Antisemit sein. Frei nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Dabei liest sich der Auszug aus Galtungs Wahnwelt durchaus beeindruckend:

Die US-Medien werden von Juden beherrscht, die unliebsame Meinungen über Israel unterdrücken. Der Mossad könne unter Umständen hinter Anders Breivik stecken. Beim Betrachten von Goldman Sachs müsse er an die Protokolle der Weisen von Zion denken. So schlimm Auschwitz gewesen sei, wäre die Rolle der Juden nach dem ersten Weltkrieg nicht „unproblematisch“. Das israelische Regime wäre genau so schlimm wie die Nazis. Gaza wie das Warschauer Ghetto.

Antisemitismus? Nein, freilich nicht. Die Veranstalter sind überzeugt davon, dass es keinen Hinweis darauf gäbe, dass Galtung sich eventuell antisemitisch geäußert hätte. Nicht mal die Möglichkeit einer ungünstigen Formulierung wird in Betracht gezogen.

Mit dieser Haltung stehen die Organisatoren der „Kieler W-Events“ allerdings nicht alleine dar. Eine große Anzahl von Institutionen und Gruppen unterstützt die Veranstalter tatkräftig. Wohlwissend ob der Positionen Galtungs. Die Stadt Kiel wird ebenso als Unterstützer des Auftrittes aufgeführt, wie die notorischen „Israelkritiker“ vom IPPNW. Auch die CAU selber sieht in dem geplanten Auftritt kein Problem. Während sich der AStA klar von der Veranstaltung distanziert, stellt die Universität nicht nur die Räumlichkeiten zur Verfügung, sondern lässt sich in den Kieler Nachrichten mit den Worten zitieren, die „Universität sei ein offener Ort des Dialogs und des Streitgesprächs“.

Dass Galtung nicht wegen, sondern trotz seiner antisemitischen Ausfälle eingeladen wurde, scheint an dieser Stelle niemanden zu interessieren. Und so darf es nicht verwundern, wenn in Zukunft Mahmud Ahmadinejad an der Kieler Uni über Perserteppiche referiert, Horst Mahler über die Gefahren des Linksextremismus doziert oder Richard Williamson zu Fastenspeisen im alten Rom einen Vortrag hält. Schließlich ist die Universität ein offener Ort des Dialogs.

Update 06.12.12

Die Zeichen verdichten sich, dass die Veranstaltung abgesagt wurde. Wohl weniger aus Überzeugung, sondern eher um einen schlechten Ruf zu vermeiden.

Update 07.12.12

Tragische Geschichte. Aber Johan Galtung darf nicht sprechen. Laut den Veranstaltern sei es zu “Übersetzungsfehlern” gekommen. Ähmja. Klar. Wie dem auch sei: Kein Fußbreit den Antisemiten!